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JLM 06 . 1788

Historische Quellen

Quelle: Journal des Luxus und der Moden . Juni, 1788

Aus England
London, den 7. May 1788

Seit drey bis vier Jahren her, herrschte, wie jeder aufmerksame Beobachter sagen wird, wahrer guter Geschmack in der Tracht unsrer Damen, uns seit langer Zeit war die weibliche Kleidung nicht so keusch-elegant, und so einfach schön als bisher; aber seit dem mit Frankreich geschloßenen Handels-Tractate droht ihn buntschäckigter Französischer Flitter-Putz, der zu uns herüber wandert, zu verdrängen.

Die vielfarbigen fern schimmernden Hüthe und Hauben, die man, wie bunte Wimpel auf den Luft-Gondeln, schon hie und da auf den Köpfen unsrer Stadt-Schönen flattern sieht, verrathen das einreißende Verderben, und vertragen sich so wenig mit der Idee von wahrer natürlicher Schönheit, daß sie sogar selbst der Galanterie schaden; denn es gehört doch warlich ein hoher Grad entweder von Thorheit oder Nachsicht und gefälligkeit dazu ein Frauenzimmer zu lieben, die so bunt aussieht als ein Papagay von Cuba.

Indeßen giebt es noch viele Erhalter des guten Geschmacks unter unsern Damen; und von eben diesen hat auch wahrscheinlich eine neue französische Modehaube von abentheuerlicher Form, mit einer Orange-farbenen Krone, schwarzen Bande und blauer Garnirung und Flügeln, die einige Modepuppen hier in Cours setzen wollten, den Spottnahmen the Magpie Bonnet (die Elster Haube) erhalten.

Im Ganzen hat sich also seit meinem letzten Berichte der Geschmack der weiblichen Kleidung hier nicht geändert. Die sogenannten Turkish-Tunics (türkischen Röcke) sind nebst den gewöhnlichen Kleidern von feinen Mousselinen und Flor allgemein im Gange. Uebrigens ist ein großes Bouquet von artifiziellen rothen und weißen großen Rosen, das unsere jungen Damen zugleich am Busen und statt der Straußenfedern auch auf dem Huthe oder der Haube tragen, eine hiesige neue Mode, die sehr gefällt.


3) Aus Frankreich.
Paris den 10ten May 1788

Die gewaltsamen Revolutionen, oder besser gesagt Convulsionen, welche, wie Sie schon aus den Zeitungen wissen werden, der Französische Stattskörper bisher und sonderlich die letzten Tage her litt, haben unsere Pariser und Pariserinnen, die jetzt à l´Anglaise auch gewaltige Politiker sind, so in Unruhe gesetzt und aufgebracht, daß sie seit acht Tagen schon nichts denken und thun, als mit einer unglaublichen Furie, Energie und Emphase von Unterdrückung, Grausamkeit und Despotismus - schwatzen. Kurz die politische Crise, in der wir uns jetzt befinden, ist auf der einen Seite so ernsthaft, sonderbar und traurig, und die Art, wie sich unsere Pariser größtentheils dabey benehmen, zugleich so komisch, daß ich, wenn ich jetzt ein Emblem von Paris zeichnen sollte, es warlich nicht anders als unter einem Januskopfe, dessen eines Gesicht tragisch weint, und das andere eine Harlekins-Grimasse macht, vorstellen könnte.

Sie fühlen, daß ich vom großen Haufen, der alles par mode treibt, spreche, und daß, da es seit einem Monate in ganz Paris Mode ist, von nichts als Parlamenten, Rechten der Magistratur, Calcul der Staatsschulden (ohne den von seinen eignen zu lenken) Compte rendu en non rendu, und politischen Ressourcen der Monarchie zu plaudern, man sich der Angelegenheiten des Reichs der Mode etwas minder warm animt. Seit meinem letzten Berichte vom 11ten April ist nichts auffallend Neues erschienen. Alles ist noch ohngefähr in derselben Lage. Unsere Damen tragen noch Bonnets, Poufs und Bandeaux à la Turque, Chapeaux à la Houfarde, Robes à la Czarine, und errichten also allen dreyen, beym jetzigen Türkenkriege interessierten Mächten, in ihrer Garderobe unsterbliche Denkmäler, deren Ewigkeit aber freylich nicht über die Kammerjungfer hinaus dauert.

Ich will versuchen, das Neueste von Moden in weiblicher Kleidung, was seit einem Monate hier coursirte und gefiel, in beyliegendem Paar Zeichnungen zusammenzudrängen.

Die erste weibliche Büste (Taf. 16. Fig.1.) trägt ein Bonnet à la Turque von neuer Form, das man gewöhnlich zum vollen Anzuge wählt. Die ganze Haube ist weiß und hat doppelte Papilions, der hohe bauschende Kopf von fein geblumten Flor; um denselben läuft über und unter dem obern Papilion ein breites weißes Florband mit Taftstreifen, welches hinten und vorn eine große Schleife macht. Die Papilions sind mit breiten Blonden besetzt, welche zugleich den doppelten Schleyer, in welchem sich die unteren Papilions hinten endigen, mit garniren.

Sie trägt ferner ein Fichu paré, welches rund herum mit breiten Blonden garnirt, ziemlich bauschend, halb offen und vorn in die Bandleiter der Robe eingeschnürt ist.

Das Kleid ist eine Robe demi-negligeante, von Gaze à bois d`Acajou à Hermine, (Mahagonyfarbnen Flor mit blau und weißen seidnen Hermelin-Schwänzen) und vorn mit blauen Bande en Echelle geschnürt.

Meine zweyte halbe Dame (Taf. 16. Fig.2.) trägt einen Chapeau Anglais, der von einer Drathcaraffe gemacht, die Krämpe unten mit weißen Taft gefüttert und mit gaufrirten hell. Lilas Flor mit dunkel Lilas Mouschen überzogen ist. Der hohe und unten etwas eingezogene Kopf ist von weißen Flor mit langen tiefen Falten canelirt, und der um den Kopf herum auf der Krämpe liegende Wulst, oder in der Kunstsprache, die Draperie, welche hinten eine große Schleife macht, ist von weißen gegitterten Flor. Der hinten herabhängende Schleyer ist Ital. Flor.

Die Panache an der linken Seite ist von grün und lilas gefärbten natürlichen Schilfblättern, welche getrocknet, gefärbt und gepresst werden, und dadurch ein schönes glänzendes Ansehn bekommen. Man ahmt diese Schild-Panachen auch mit sehr starr gesteiften Atlasse nach.

Die Figur trägt ferner in den Ohren große Cleopatres von weißen Cocqs-de-perle, mit Gold gefaßst; ein Fichu en Collerette, mit breiten Blonden garnirt, das sich über das Kleid legt und halb offen ist; eine Demi-Redingote von schwarz grünen Taft, mit ausgezähnten Revers und Kragen und zwey Perlenmutter-Knöpfen auf der Brust.

An beyden Figuren sehen Sie zugleich auch die noch gangbarste Damenfrisur, theils mit platten oder leicht geflochtenem Chognon, theils mit fliegendem Hinterhaar, so wie sie vernünftige Leute tragen.

Meine dritte Dame in ganzer Figur, (Taf. 17.) erscheint

1) in einer Robe à la Czarine, die, wie gedacht, seit einem Monate häufig getragen werden, von meergrünem Taft mit der dazu gehörigen rosa Schärpe. Diese Art Kleid unterscheidet sich von der Robe demi negligeante fast durch nichts, als durch ihren oben in das Kleid eingereihten steifen dreyfachen und sehr tief ausgezackten Kragen, oder sogenannte Collerette montante und dergl. Manschetten von weißen Crepe, und die mit eben dergleichen spitzig ausgezackten kleinen weißen Crepe Falbalas fünfmal eingezogene und in Puffen aufgebundene Schärpe;

2) ferner in einem Corsett und Rocks von weißen Taft. Der Rock hat eine sehr breite und ebenfalls sehr tief ausgezackte Falbala von weißen Crepe, die sich oben wieder herunterschlägt, und also eine Doppel-Falbala macht;

3) in Schuhen von Rosa Gros de naples mit weißen Band-Schleifen.

4) in weißen langen ledernen Handschuhen;

5) in einem simplen Halstuche das in das Kleid hineingesteckt wird; und endlich

6) in einem Chapeau a la Housarde von schwarzen Atlas über eine Drath-Carcasse gemacht. Der Kopf ist von weißen mit rosa gemuschten Flor etwas bauschend, und unten mit einem meergrünem ausgeschlagen ist kommt eine Art von Schleyer von rosa Taft aus dem Kopfe, und zieht sich reich gepuft hinauf über die Krämpe, wo eine Panache von 3 schwarzen großen Straußen-Federn mit rosa Kielen dahinter empor steigt.

Dieß ists was hier ohngefähr seit einem Monate den meisten Beyfall, und die meiste Nachahmung gefunden hat. Und nun noch ein Paar allgemeine Anmerkungen über den jezigen Gang und Geschmack unserer Moden.

1) Alle unsere Moden, weibliche und männliche sind jetzt so äußerst bunt und von so harten und schreyenden Farben, daß sie beynahe jedes Auge beleidigen. Hauben von ganz rothen, oder blauen Flore, mit gold und silber gemuschten Bändern, und drey bis vierfarbigen Federn, dazu Collerettes von gelben Flor, blaue Perrots mit silbernen Frangen und Knöpfen, einen blauen Rock mit gelben Frangen, und darüber einen Volant von citron-gelben Flore mit silbern Quasten aufgezogen, und mit dergleichen Crepinen besetzt - denken Sie sich einmal diese widrige Bigarrure an einer weiblichen Gestalt, und glauben Sie, daß unsere Petites-Maitresses jetzt nicht anders aussehen als ein Stück Chineser Papier-Tapeten, so bunt blendend von Farben, aber auch so geschmacklos. Dazu kommt noch

2) der Geschmack an reichen mit gold und silber gemuschten oder gestreiften Bänder, Linon, Floren, und silbernen Frangen und Crepinen, zum weiblichen Putze der jezt wieder allgemein wird.

3) Die Thorheit unserer eleganten Weiber sich aus Mode den Hals und Busen bis an die Ohren hinauf mit einem Berge von Flor, Linon und Blonden zu verbauen, wenn sie auch keinen Schönheits-Fehler am Halse und am Busen haben, (weshalb ohnstreitig eine kluge Dame für sich und ihr Bedürfnis diese Tracht erfand) dauert noch immer fort. Man hat keine Idee davon wie sich eine Petite-Maitraisse blos aus Mode verhäßlichen, und ihre Menschengestalt verhunzen kann.


4) Aus Teutschland.
Wien den 14ten May 1788

Erlauben Sie, m.H. daß ich Ihnen diesen kleinen Beytrag von den neuesten Moden unsrer Wiener Männer-Tracht Ihr Journal liefere, und Ihnen einen hiesigen modernen Elegant, Stück für Stück nach dem Leben zeichne. Ich will vom Kopfe anfangen.

Frisur. Dick tappirter Krepp bis zum Zopfe herab; auf jeder Seite drey neben einander stehende große Locken; ein geflochtener langer Cadogan, so daß die geflochtenen umgeschlagenen Haare fast eine Hand breit über das Zopf-Band emporstehen.

Frack, von schwarzen und andern aber immer dunkel farbigen Tüchern; mit blau angelaufenen Stahl oder schwarzen Bagat-Knöpfen (?), auf deren Mitte ein feingeschliffnes Stahl-Steinchen steht; mit hohen stehenden und wieder herabfallenden Kragen. Die bunten Futter und Passepoil verschwinden; dagegen werden farbige Tücher, mit schwarzen oder dunklen Zickzack modulirt, jezt zu Fracks sehr Mode.

Um den Hals ein Englisches Halstuch von feinem Battiste, die zwey Zipfel davon mit schmalen Spitzchen besetzt, und nachläßig unter dem Kinne in eine Schleife gebunden.

Gilet, von sehr bunten auch wohl reichgestreiften seidnen Zeuchen. Die Knöpfe mit dergleichen überzogen. Die Streifen laufen perpendicular herab.

Beinkleider von schwarzen, paille oder grauen Atlas, erbsgelben oder weißen Tricoté, oder auch aururfarbnen oder grünlichen Sommer-Manschester.

Strümpfe; meist grau oder weiß, selten gestreift, zuweilen auch dunkelgrün oder violett.

Schuh-Schnallen, von SIlber. Hierinn existirt bey uns eine doppelte neue Mode. Die erste sind sogenannte Doppelschnallen, die eben so aussehen als wenn zwey schmale Schnallen auf dem Fuße über einander lägen. Die zweyte besteht in einer Art von mechanischen Schuhschnallen die überaus bequem sind, und sonderlich von Engländern getragen werden. Man schnallt sich nemlich nicht mit den gewöhnlichen Schnall-Riemen die Schnalle ein; sondern statt deßen läuft ein schwarzes stählernes Blech unter der Schnalle weg, das ein mit Haaken versehnes Schloß hat; durch dieses zieht man den Schnallriemen, und schließt es vermittelst einer darunter liegenden Stahl-Feder zu, daß der Schuh dadurch fest hält. Will man die Schnalle wieder öffnen so darf man nur an der Seite des Fußes mit dem Finger darauf drucken, so springt das Schloß sogleich auf. Diese Erfindung ist überaus bequem.

Uhr. Die Uhrketten à la Cosa rara sind ganz paßirt, und dafür trägt der Mann zwey Uhrenn mit goldnen Ketten, mit mathematischen Figuren; und ist´s ein Haupt-Stutzer, so trägt er sie gar in beyden Gilet-Taschen.

Der Stock ist ein dünnes Bambus-Rohr, statt des Knopfes oben mit einem dünnen goldnen Plättchen beschlagen.

Der Huth ist ein sogenannter kleiner Schwedischer, und hat eine goldene Agraffe in Form eines doppelten Dreyecks, mit einem blauen Stahlknopfe; oder eine massiv silberne Agraffe mit einem Knopf von Perlenmuter.

Der Ring ist entweder von Brillanten, oder ein sogenannter Glied-Ring von Paralelogramm-förmigen blauen Crystall in Gold gefaßt.

Unsere Damen tragen jezt um ihre Chapeaux Bonnettes, oder sogenannten Glocken-Hüthe, statt Bandes eine dicke Guirlande von Rosen oder andern Blumen.


Aus Baaden und den Gränzen der Pfalz.
Im May 1788.

Aus Beyträge zu neuen Mode-Veränderungen gehört ohngefähr auch folgendes hierher.

1) Anstatt der gelben Metall-Knöpfe auf Fracks und andern Kleidern fängt man an, wiederum gesponnene, von Kamel-Haar und Seide von der nemlichen Farbe des Tuchs zu tragen. Ihrer Form nach sind diese Knöpfe etwas platt, zirkelrund, und von bedeutender Größe. (Vor Alters waren sie klein, und öfters dick wie Halbkugeln.) Unsre Knopfmacher, welche durch die allgemeine Mode der Knöpfe von Stahl und Metall seit 12 Jahren sehr gelitten haben, befinden sich bey dieser Aenderung sehr wohl.

2) Man sieht seit einigen Wochen hie und da Sonnen-Fächer von ungewohnter Form: so lange der Fächer geschlossen ist, bemerkt man nichts, als einen kleinen Cylinder von Rosenholz, etwa 6 bis 7 Zoll lang, oben und unten mit einem beinernen Ring versehen. An der einen Seite des Cylinders, läugt aber eine kleine Spalte durchhin herunter, durch welche mittels eines unten angebrachten kaum bemerkbaren Handgriffs (welchen ein Bändchen umwindet) der Fächer-Schirm sich schnell aus der Röhre hervorziehen läßt. Ich brauche den Ausdruck, Fächer-Schirm, weil seine Gestalt runt wie ein Licht-Schirm geformt, aussieht. Er selbst ist von feinem Taffet wohl gommirt und geglättet, roth oder grün von Farbe, und an der Peripherie, mit vergoldetetn Zakken eingekrbt. Das AUssehen ist artig, und die innere Machanik gut ausgesonnen.

3) Von Wien aus erhalten wir als Muster der Nachahmung, Damen-Schuhe mit Stickerey von Silber, anstatt der Falbalas oder Bänder, wo die Schnallen sonst gewöhnlich stehen. Die Stickerey bleibt nicht bey einer Form, bald ist sie in Form eines halben Monds, bald eine Band-Schleife, bald sind silberne Quästchen, oder Trotteln am Contour, bald Reihen kleiner runder Silberblättchen bald rother bald blauer Lahn mit unter eingestickt.

4) Englische Gillets von Leder braun oder orange-gelb gestreift, für Herren, sieht man jezt hie und da unter uns. Noch findet dieses Kleidungsstück nicht sonderlich Eingang, wenn gleich dabey gerühmt wird, daß die Tracht dieser Gillets im Sommer sehr leicht sey, und daß sie sich eintgemal waschen ließen, ohne ihre farben zu verlieren.
Information
Das Bildmaterial aus dem »Journal des Luxus und der Moden« mit freund-
licher Unterstützung zur Verfügung gestellt durch:

ThULB - Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

Herzogin Anna Amalia Bibliothek . Klassik Stiftung Weimar



Kupfertafeln
Tafel 16. Fig.1
Juni 1788, T.16, Fig.1

Tafel 16. Fig.2
Juni 1788, T.16, Fig.2

Tafel 17.
Juni 1788, Tafel 17



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