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JLM 07 . 1800
Historische Quellen

Quelle: Journal des Luxus und der Moden . Juli, 1800

V. Modenberichte.

1. Aus England.
London, d. 8. Jun. 1800. 1)
Die beliebteste Kleidung waren gestickte Florkleider mit Blattwerk und Blumengewinden allgemein. Die Aufsätze waren alle oben in der Mitte offen, so daß die Haarflechten und Büschel durchgesteckt werden konnten. Federn waren allgemein, die Haare ohne Puder. Lilla, Gelb, Grün und Schiefergrau waren die Modefarben. Die Frisuren waren alle in griechischem Styl, so daß der Nacken ganz blos zu sehn war. Ohrenringe weiße Tropfen. Fast keine Lady erschien ohne ein Bandeau von Diamanten oder Perlen. Einige Aufsätze waren reich mit Spangen à la Vandyke besetzt. Auch erschienen unter der Federpracht einige Paradiesvögel. Topasen waren noch immer am meisten an der Tagesordnung.

Viele Herren trugen lederfarbige (buff-coloured) seidene Strümpfe. Die Stahlmanufakturen von Sheffield und Birmingham hatten herrliche Ausschmückungen von Garnituren brilliantirter Knöpfe, Schnallen und Degen geliefert. Auch die Huthknöpfe und Schleifen waren in brilliantirtem Stahl. Die Schuhschnallen behalten noch immer ihre länglichtrunde Gestalt von oben herunter.

Uebrigens haben im Reiche der Moden die gefleckten Leopardtaffente zu Kopfaufsätzen und Hüthen aufgehört. Die Mayblume, die in Paris so sehr in Gnade stand, hat auch hier ihre Rolle auf den kurzverschnittenen Haaren unserer Ladies gespielt. Lilas, Gelb und Schotenerbsengrün sind die Lieblingsfarben. Als Federn bleiben die Strauß- und Paradießvögel in Besitz, aber auch die Hahnenfedern und Esprits sieht man. Die Nacken werden noch immer hinten bloß und die Haare knapp hinaufgeschlagen getragen. Die Zigeuner Strohhüthe (Gypseychips) und die italiän. (Leghornchips) mit breiten Näthen sind an der Tagesordnung. Unter den neuen Bonnets zeichnet sich der Windsor-bonnet aus. der aus gefältelten Band und Seide besteht. Die Ohren werden davon bedeckt. Die Taille wird augenscheinlich kürzer. Kornähren in Gold und Topasen gehören zu dem kostbarsten und beliebtesten Schmuck. Zum Einfassen und Besatz hat man einen neuen elastischen Stoff erfunden, figurirte Taffente (farsonets)(?) gestreifte Bänder und eine neue Art von Sammet, den man Prinzen Tau (Prince´s cord) nennt, wird zu Bonnets und Mänteln getragen.


1) Anmerkung: Auszüge aus den Seiten 365 und 368


2. Aus Paris.
Paris, den 21. Prairial. 1.
Einige Monate hindurch haben die Strohhüte auf den beperückten und perückenlosen, knappverschnittenen Haaren unserer Damen fast ausschließend geherrscht, natürlich mit tausend kleinen Nüancen und Abänderungen, bald mit Pistazien- und Meergrünem Taaft aufgefüttert und aufgeschlagen; bald mit aufgeleimten Federn in gestalt der Schmetterlinge, oder auf andre Weise symmetrisch mit Federfiguren ausgeschmückt; bald schneckenförmig aufgewunden (chapeaux en limaçon), mit einer grünen oder violetten Spiralwindung ummahlt, oder mit einer Windeblume, die man Volubilis nennt, umflochten, (man nennt diese spiralförmigen Hüthe auch chapeaux de Farscati, weil die ersten aus dem Modemagazin jenes Belustigungsortes hervorgegangen waren); bald mit einer feinen Strohbesetzung en sparterie, wie mans nennt, um den Kopf, oder um den kleinen Auffschlag herum eingefaßt. Aber fast alle diese wandelbaren Huthgestalten kamen doch darin überein, daß ein Tuch oben drüber gebunden war. Außer diesen Strohhüthen standen die Cornettes à la paysanne zum Morgennegligé oder zu Landpartien in großem Ansehn, und man muß gestehen, daß einem kleinen, runden, schalkhaften Gesicht diese erlogene Ländlichkeit recht artig ansteht. Nach der allbegünstigten weißen Farbe trug man sowohl die Capoten als Kleider am liebsten in Jonquille, Rosa, Lilas und Himmelblau. Die Coeffüren waren entweder à la Grecque oder à la Hollandaise.

Die Röcke trug man vorn so lang, daß sie die Schuhe bedeckten und hinten hatten sie eine Merrelange(?) Schleppe, die man im Staube ja nicht zusammen nehmen, sondern damit Straßen und Promenaden sein hübsch abfegen muß. Die einige Zeitlang sehr beliebten Guingams, Bänder und Stoffe, die nach der Sitte der Bergschotten in schiefe Vierecke mit sehr hart abschneidenden Farben getheilt waren, und die man allgemein à l´Ecossais nennt, haben den Zeugen in großen breiten Streifen Platz gemacht. Die vom neuesten Geschmack haben so breite Streifen, daß zwey den ganzen Rücken einnehmen. Eine allgemein herrschende Sitte sind Schürzen; meist ganz weiß und ohne Taschen. Sie blieben, als die Fichus tabliers abgedankt wurden. Diese müssen so gebunden werden, daß hinten das Schürzenband die Spitze des Halstuchs erreicht.

Eine gleichfalls allgemeine Mode besteht in Frangen, die unten Knötchen wie die Mayblumglöckchen in der Knospe haben, und die man daher franges à grains de muguet nannte. Man setzt diese Frangen nicht allein an die Tücher, woraus man Kopfaufsätze bildet, oder womit man die Strohhüthe überbindet, sondern auch an die Schürzen, Schals (wo sie nicht en taille getragen wurden) an die Ridicules, selbst an die Bänder. Kurz diese Mayblümchenfrangen waren eine Art Wuth, c´est une fureur! Doch schon haben sie einer andern Art von Frangen Platz gemacht, die man fourcils d´hanneton, Maykäfer-Augenbrauen nennt. Man versteht nämlich unter diesem Ausdruck die Fühlfaden der Käfer (antennae), und diese will man also durch diese dünnen Frangenfäden nachahmen. In der That hatten viele Käfer bey dem ungemein warmen und beständigen Frühling oft des Abends alle Alleen und Spaziergänge in den champs Elysèes, Tivoli, Idalie, u.s.w. erfüllt, und mancher Merveilleux konnte sein lispelndes pa´ole d`honneur vor dem Gesumme dieser Insektenschwärme gar nicht mehr deutlich prononciren. Da rächten die Schönen diese Zudringlichkeit und setzten zwar nicht die ausgerissenen Fühlfedern und Freßzangen, aber doch ihre Nachahmungen an ihre Hüthen, Schürzen und Schaals.

Die Handschuhe trägt man noch immer weit über den Ellbogen und nicht knapp anliegend, sondern runzlich (froncés). Die beliebsteten Halsketten sind die Sautoirs, oder die langherabgehenden Ketten, an deren Ende ein viereckigtes goldnes Futeral zu einem Schreibtäfelchen (breviaire) befestigt ist, daß man nun den petit ridicule zu nennen beliebt.

Die neuesten Musseline haben einen blauen oder violetten Grund, auf welchem durchaus ein weißes Blattwerk aufgedrückt ist. An die Fichus-Schaals setzt man an alle drey Enden nach der neuesten Mode der Londnerinnen drey goldne Knöpfe (glands). Mit den heißen Sommertagen sind die zarten englischen oder Spitzenschleier aus Mecheln wieder sehr Mode geworden. Die vornehmsten Moden gebieten sie ganz weiß zu tragen. Sehr oft dient die Farbe dieser Schleier für Verliebte zu einer geheimen Zeichensprache, und es gehört daher zu einer vollständigen Garderobe, sie in allen Hauptfarben zu haben. Himmelblau ist die Farbe der Eerhörung, denn diese setzt in den Himmel. Der Schnitt der Roben ist meist im türkischen Geschmack. Die tolle mode, diese Roben hinten ganz herunter in der mitte durch zu knöpfen, so daß man auf einigen 32 Knöpfe zählte, hat sich nicht erhalten können.
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