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JLM 02 . 1800
Historische Quellen

Quelle: Journal des Luxus und der Moden . Februar, 1800

VII. Modenberichte.

I. Aus England.
Am Ende Januars.
zwey Dinge beschäftigen unsere Modenwelt in den letzten Tagen außerordentlich. Jedermann wollte gern etwas Genaueres von der schönen Tscherkassierin wissen, die der Großherr seinem hiesigen Gesandten auf einer englischen, neuerlich aus Constantinopel gekommenen Fregatte zum Geschenk geschickt hat. Sie soll ein Wunder von Schönheity seyn, und sich dabey in der Tscherkassischen Manier sehr geschmackvoll kleiden. Unsere Printshops und Kupferstichkabinets sind voll von Abbildungen dieser caucasischen Helena, und unsere Carricaturläden haben sie durch eine ganz eigene pikante Combination mit Nelson und den Perücken der Lady Hamilton zu Palermo in Verbindung zu bringen gewußt. In einer Debating Society (die aber jetzt diesen Nemane nicht mehr führen darf, weil sie als solche unter den verbotenen Clubs steht, und daher unter dem unschuldigen Nahmen einer Assembly durchschlüpft) ist neulich die Frage discutirt worden, ob das Gesandtschaftsrecht die Regel, daß welcher Sclave englsichen Boden betritt frey ist, aufheben könne? Die Herren schienen Lust zu haben, die schöne Sclavinn ihrem eifersüchtigen Besitzer abspenstig zu machen. Man erwartet auch die schöne Sultaninn des letzten Nabobs von Seringaptam, des unglücklichen Tippoo Saib, in London.

Der zweyte Modegegenstand sind die Strümpfe der Protoconsulesse Buonaparte. Sie gab, wie Sie schon aus öffentlichen Blättern wissen, dem ersten französischen Staatsboten, der den Breif an den König überbrachte, ein Paar Strümpfe von sich zur Probe mit, um ihr hier einige Dutzend von der feinsten Feecy hosiery, die man Schwanenfell (swanskin) nennt, in dieser Größe einzukaufen. Bekanntlich durfte dieser Courier nicht weiter, als bis Dover, wo er seine Papiere abgeben, und unter strenger Bewachung auf die Antwort warten mußte. Er sahe sich also auch genöthigt, seinen Auftrag von der Bügerin Buanoparte mit der Post in London zu bestellen, und dadurch wurde denn die ganze Sache bekannt. Bey einem der besuchtesten Hosery-man in Neubondstreet sind jetzt Frauenstrümpfe à la Beaubarnois in bester Qualität zu verkaufen, die nach dem Muster jener französischen seidenen Strümpfe gearbeitet sind, und es gehört zum guten Ton, seiner Dame ein Paar solche Strümpfe zu kaufen.

Die zwey herrschenden Moden in den letzten Monaten war erst die Orangefarbe, in welcher die damen theils die Federbüsche auf dem Kopf, theils die Gürtel, theils die Mousselinkleider, selbst in so fern trugen, daß keline Orangen, wie Blumen, auf den weißen Grund eingestreut waren. Seitdem ist alles in der Frauenzimmertracht Spanisch geworden. Man trägt häufig spanische Corsets (Jackets) von lichtgrünem Tafft, welche mit einem stark ausgezackten Ueberschalge auf dem Rocke aufliegen. Dazu gehört ein Spanischer Spitzenkragen um den Hals. Diese aus den guten Tagen unserer Großmütter wieder aufgewärmte Mode kleidet nur Wenige gut, und hat ein fantastisches und theatralisches Ansehen. Uebrigens gelten in London die kurzen Taillen nur noch zum Morgananzug. Zum fulldress bleibt der ältere Schnitt unverändert, der sich auch in der That zu reichen Stoffen und zur Pracht weit besser ausnimmt.


2. Aus Frankreich.
In der Mitte Januars.
Unter dem neuesten Coeffüren zeichnet sich der Turban à la Caravanne aus, von Coqeulicot Atlas oder Sammt, mit Streifen von weißen Atlas besetzt; die Douiletten sind auf einmal außerordentlich Mode geworden. On ne voit, sagt ein Modenblatt, dans les promenades que des paquets ambulans. Die neuesten Lyoner Taffte und Atlas zum Ueberzuge dieser Winterkleider sind gewöhnlich Aprikosengelb, Schwefelgelb oder Himmelblau. - Die neuesten Bänder haben geschobene kleine Vierecke en echiquier in Schwefelgelb und blaß Violet. Röthliche Musseline sind allgemein herrschend. Die seidenen Shawls die man am liebsten à quatre points trägt, sind am häufigsten grün. Alles ist à la Mamelucke noch immer Bounaparte zu Ehren. Selbst die Dominos und Masken sind in dem jetzigen Carneval à la Mamalucke. Die Fichus chemises haben noch immer eine große zahl von Verehrerinnen. Die goldenen Kämme in den Haaren werden nur noch von Filles offen getragen. Die vornehmere Mode gebietet, sie uns durch eine Florcornette beym Morgenanzuge durchschimmern zu lassen.


3. Aus Teutschland.
** d. 16. Jan. 1800.
Die beyden Figuren welche ich Ihnen hierbey liefere, enthalten mehrere Moden-Neuigkeiten, die Sie aus folgender Beschreibung derselben sehen werden.

Die erste junge Dame (Taf. 4.) hat einen Aufsatz en Bandeau, von weißen und blauen Atlas. Ein Zweig von blauen Atlasblättern legt sich von der linken Seite über die schlänglicht gelockten Stirnhaare, dach der rechten. Der Aufsatz liegt hinten dicht am Halse an, und es fallen einzelne Löckchen hindurch. Das Hinterhaar ist aufwärts gekämmt, und macht über dem Aufsatz einen krausen Büschel.

Sie trägt ferner ein Englisches Kleid von feinem weißen erhoben broschirten Musseline, rundum zu, damit der Umschlag oben am Halse in seiner Form bleibe; dagegen ist das Vordertheil auf der rechten Schulter zum Auf- und Zuknöpfen eingerichtet. Das Vorderkleid hat unter den Knien einen breiten Saum gelegt, der mit breiten Spitzen eingereihet ist; der hintere Theil des Kleides hat von der Taille an zwey offene Flügel, welche ebenfalls einen breiten Saum haben, aber nur mit schmalen Spitzen, so wie die Oberärmel und der runde Umschlag um den Hals, garnirt sind. Eine goldene und mit Brillanten besetzte Agraffe faßt im Rücken die beyden offenen Flügel, so wie auch eine ebensolche die en Rosette zusammengezogenen Oberärmel.

Die zweyte junge Dame (Taf. 5.) trägt einen Englischen Filzhuth mit ganz schmaler kaum fingerbreiter geradstehender Krämpe. Der oval Kopf des Huthes ist vorn etwas niedriger als hinten, und vorwärts eingebogen. Eine farbige seidene oder goldene Schnur mit Quasten liegt um den Kopf, und eine schwarze Feder fällt von der rechten Seite vorn über. Sie trägt ferner ein Halstuch von ganz neuer Form, von Flor oder Mousselin mit Spitzen oder Blonden garnirt, in welchen oben ein Drath hinläuft, der das Halstuch frey abstehen macht. Die vorderen Enden sind mit Bändern besetzt die unter den Armen durchgehen, und auf dem Rücken mit dem hintern Ende des Halstuchs in eine kleine Schleife geknüpft werden. Dieß Halstuch kann über alle Kleider getragen werden.
Information
Das Bildmaterial aus dem »Journal des Luxus und der Moden« mit freund-
licher Unterstützung zur Verfügung gestellt durch:

ThULB - Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

Herzogin Anna Amalia Bibliothek . Klassik Stiftung Weimar



Kupfertafeln
Tafel IV.
Februar 1800, Tafel IV.

Tafel V.
Februar 1800, Tafel V.



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