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JLM 02 . 1786

Historische Quellen

Quelle: Journal des Luxus und der Moden . Februar, 1786

II. Weibliche Kleidung
Es ist schwerlich je etwas richtigeres, bestimteres und zugleich schöneres über den Geist und Geschmck des weiblichen Anzuges und Putzes gesagt worden, als folgendes Urtheil das erst vor kurzen einen der liebenswürdigsten Schriftstellerinnen Frankreichs darüber sprach: *)
Pour les femmes le choix de tout ce qui peut orner n`a point de regles. C´est le caprice dirigé par le gout qui choisit, qui place toujours d´une manière agréable et conforme au but qu´elles se proposent. - Que votre bonnet soit placé un peu de travers, Madame; qu´il n´ait pas l´air d´avoir couté quelques soins à votre toilette, - me disoit une de mes premières femmes de chambre.

*) Pieces morales de Mad. I. W. Comtesse de R-S-. Londres 1785.

Dieß Feld hat schlechterdings seine Grenzen, so wie diese Kunst keine Regeln. Und wären die Millionen Formen, in die die Mode ein Stück Flor legen, und ein Band knüpfen kann, alle schon erschöpft, so schaft Geschmack und Industrie eine mIllion neue, oder geht in die Vorwelt zurück, palingensirt die Moden unserer Urahnen, und setzt sie unter neuem Stempel wieder in Cours.

Wir als getreue Historiographen folgen den Schritten dieser alles vermögenden Zauberin, und liefern unsern Leserinnen auf der Taf. V. zwey weibliche Büsten, die ihnen verschiedene kleine Neuigkeiten zeigen werden.

Die erste (so wie auch die andere) hat eine accomodage à deux boucle, und den Chignon unterwätrs aufgeschlagen. Sie trägt eine Haube à la Laitière mit einem dunkelgrünem Bande; Ohren-Ringe en plaquettes; ein einfaches Halstuch von Italienischen Flor; ein fourreau à l´Angloise mit Kragen, hell violett, mit weißen Bande, à la Jeanette, eingefaßt, und vorn mit einer dunkelgrünen Bandschleife gebunden.

Die zweyte trägt eine Haube la Figaro, von Ital. Flor, mit einer weißen und violetten Schwungfeder; mitten über die Haube läuft ein schwarzes Sammt-Band oder barrière mit weißen Perlen besetzt, und an der linken Seite hängen zwey Perlen-Schnuren frey schwebend herab. In den Ohren hat sie große anneaux unis, und um den Hals sein sehr reiches Halstuch à gorge angloise. Dies besteht eigentlich aus zwey besondern Stücken, nemlich der gorge angloise und dem Halstuche mit doppelten Kragen. Die gorge angloise, welche von Italienischen Flor, vorn ganz zu ist, und oben um den Hals mit einem kleinen Henri IV. anschließt, wird zuerst umgethan, und im Nacken mit dem sehr langen rosenfarbnen Bande zugebunden. Dann folgt das Halstuch, dessen oberer schmaler Kragen von weißen Atlas, der untere aber von gaze soufflée, und einer wie der andere mit belegtem Flor garnirt ist. Das Halstuch, welches vorn offen, wird unter der gorge angloise zusammengesteckt, diese etwas voll darüber herausgezogen und gepufft, und dann das lange rosa Band von hinten hervor leicht darum geschlungen und vor der Brust in eine Schleife gebunden. Das fourreau so sie trägt ist von Atlas couleur de bronze.

Die übrigen kleinen Neuigkeiten, welche wir unsern gütigen Leserinnen dießmals zu melden hab, mag ihnen folgender Brief aus Paris erzählen.


Paris, den 1sten Febr. 1786.
"Ich sagte Ihnen neulich ein Paar Worte über die neuesten Deshabillés unserer Damen, die Pierots*). Jhre Mode hat sich bestätigt und man trägt sie diesen Winter stark, sowohl als Deshabillé als auch als Bal Habit, wozu sie sehr bequem sind; als Deshabillé von Atlas oft mit Pelz garnirt, und eine Haube dazu; als Bal Habit, von Tafft mit Hute oder bloßen Haar. Da das Caraco, oder enge Corset immer von anderer Farbe als der Rock seyn muß, und das sogenannte Parement der Aermel noch eine dritte verschiedener Farbe erlaubt, so hat der gute oder schlechte Geschmack mancher unserer Damen mit unsern Mode-Farben, gros vert, queue de ferin, souffre tendre, violet d´Evéque, dabey sein volles Spiel. Ich habe überaus reizende Geschöpfe in dieser Tracht gesehen, aber auch Figuren die man geradzufür Kammerzofen der schönen Wagelonne hätte nehmen können. Besetzt man sie um und um mit Pelze, so wird weißer Fuchs, weißes Angora-Kaninchen, oder Grauwerk dazu gebraucht.
Seit vorigem Monate trägt man auch die Robes à la Turque vorzüglich stark. Sie erhalten hierbey die Zeichnung von einer, von Nacarat-Atlas, mit gesticktem Rocke und mit Blumen garnirt. **)

*) Wir haben schon im Jänner S. 51. davon Nachricht gegeben.
**) Da diese Zeichnung zu spät für diesen Monat eingieng, so werden wir sie mit der Beschreibung im künftigen liefern.

Die neueste Mode-Farbe, die sich zu den andern gesellt hat, und sie beynahe zu verdrängen scheint, ist dermalen Nacarat*). Eine Mode-Farbe erscheint immer zuerst in den Bändern, als den leichten Truppen im Reiche der Moden; daher sind auch unsere neuesten Mode-Bänder entweder nacarat mit schwarzen, weißen, violetten, blasgelben oder dunkelgrünen einspringenden Zacken, (pointes rentrantes); oder lilas mit weißen Saume, und grün mit dergleichen.

Von Hauben und Hüthen ist dermalen wenig Neues da. Das Bonnet à la Captis, ist eine Art Huth von nacarat Atlas im Form fast wie ein altes Doktor-Baret. Ein breites grün und weißgestreiftes Band, an der linken Seite in eine große Schleife gebunden, geht um den hohen Kopf, und hinten hängenzwey lange Flügel, oder biais, von weißen Crepe-Flor bis unter die Schultern herab. Ich weiß nicht on SIe schon die Capots kennen? Sie sind eine Art von Englischen Hüthen die man des Morgens über Englischen Nachthauben, oder auch unfrisiertes Haar setzt. Der Kopf ist fast wie ein Ballon, und die Krämpe hängt wie ein umgekehrter Trichter über das halbe Gesicht herab. Zwischen Kopf und Krämpe wird ein farbiges Band

*) Nacarat ist ein brennendes Roth zwischen ponceau und cramoisi, das vermuthlich die meisten unserer Leser schon kennen werden.

mit großer Schleife getragen, und ein Paar Federn darauf gesteckt. Man trägt sie sowohl von Flor, als auch von farbigen und gestreiften Atlaße; und ich muß bekennen, daß es ohnstreitig eine bequeme Art Hüthe zum Negligé für ein Frauenzimme ist. Die grands bonnets de Matin à large fond, die man jetzt Mode machen will, sind abscheulich, und ihre Form ist ischer von der Kappe des Italienischen Mezzetins genommen.

Die Halstücher à collerette die man auch trägt, scheinen mir nicht ganz neu. Man hat sie von Cambray und Flor. Letztere auch mit doppelten Kragen, und schwarzen Bande, à la Jeanette, eingefaßt.

Die Camisolen en Colinette sind eine Art von kurzer Contusche, weit, ohne Taille, mit weiten Aermeln, um den Ausschnitt der Brust garnirt, und vorn mit einer Band-Schleife zugebunden. Man trägt sie meist von weißen Moußeline, rothgefüttert, und blos als Kranken- oder Morgen-Kleidung.

Auch im Geschmack der Federn ist man noch hier; aber, wegen ihrer zunehmenden Theuerung, ökonomisirt man damit und trägt sie sehr componirt, z.E. gedreht, decoupirt, mit bunten Kielen, mit Blumen gemischt, von grünen Pfauen Federn en béron jaspé, u.s.w. wo sich denn alle Defekte wieder gut brauchen lassen. Nacarat und violette Schwungfedern oder folettes sind noch immer Mode.

Von der Pariser Hof-Trauer, die in jedem Betracht elegant ist, und allerdings auch ihre gewissen Moden hat, werde ich Ihnen nächstens ein ausführliches Detail liefern."
Information
Das Bildmaterial aus dem »Journal des Luxus und der Moden« mit freund-
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ThULB - Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

Herzogin Anna Amalia Bibliothek . Klassik Stiftung Weimar



Kupfertafeln
Tafel V.
Februar 1786, Tafel V.



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